Jüdische Gemeinde Großlangheim
1933 lebten in Großlangheim 18 jüdische Bürgerinnen und Bürger, die zu drei (großen) Familien gehörten. Auch die Juden in Rödelsee zählten zur Gemeinde. Die Wurzeln der Kultusgemeinde Großlangheim reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück. 1675 zählte man fünf Haushalte unter drei Schutzherrschaften, 1699 mind. 34 Personen in sieben Haushalten – ohne die Würzburgischen Schutzjuden. Deren Zahl stieg im Laufe des 18. Jahrhunderts an, bis auf sieben im Jahr 1763. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als Kurbayern alle fränkischen Fürstentümer übernahm, belief sich die Zahl der Haushalte insgesamt auf 11, wuchs dann bis auf 14. 13 Familien wurden 1817 in die Matrikelliste aufgenommen. 1837 erreichte die Mitgliederzahl der Kultusgemeinde Großlangheim ihren Höchststand mit 70 Personen. Zu dieser Zeit baute sich die Gemeinde eine neue Synagoge mit separatem Schulhaus. Seit den 1860er Jahren und der Wiederbegründung der Kitzinger Gemeinde schrumpfte die Kultusgemeinde in Großlangheim über 37 (1900) auf 23 Mitglieder im Jahr 1910.
In der NS-Zeit schlug die Stimmung nicht sofort komplett gegen die jüdische Bevölkerung um, worüber sich der Regierungspräsident von Unterfranken beklagte. Es gab sogar Männer, die es öffentlich wagten, den Nationalsozialisten zu widersprechen. Doch schon seit 1934 verließen kontinuierlich jüdische Bewohnerinnen und Bewohner den Ort, da sie angesichts von systematischer Entrechtung, wirtschaftlicher Boykotte und wachsenden Verfolgungsdrucks keine Perspektive mehr sahen. 1939 steigerte sich das zur Flucht von sechs Personen, nur noch ein Mann und seine drei ledigen Schwestern im Rentenalter blieben übrig. Dem war im November 1938 der Novemberpogrom vorausgegangen, in dessen Verlauf die Synagoge verwüstet, Inventar und Kultgerät zerstört und zwei Männer verhaftet und ins KZ Dachau verschleppt worden waren. Das Synagogengebäude blieb erhalten, von Übergriffen auf die Wohnungen der jüdischen Familien ist nichts bekannt.
Einem Jugendlichen gelang 1939 die Emigration direkt aus Großlangheim nach Großbritannien. Bis zu sechs weitere Menschen konnten von ihren neuen Wohnorten aus in die USA (4), nach Großbritannien oder Palästina (je 1) emigrieren. Zwei Männer waren bereits in Großlangheim gestorben, ein weiterer verschied in München.
Vier jüdische Bürgerinnen und Bürger, die 1933 in Großlangheim gelebt hatten, wurden schließlich 1942 aus Unterfranken deportiert. Vier weitere Personen ereilte dieses Schicksal 1941/42 an ihren neuen Wohnorten in Deutschland. Niemand der Deportierten überlebte. Großlangheim hat damit acht Opfer der Shoa zu beklagen, darunter eine Jugendliche.
Großlangheim beteiligt sich mit zwei Koffern am Projekt „DenkOrt Deportationen“. Der lokale Koffer erinnert an die deportierten Jüdinnen und Juden des Ortes wie auch an die aus Rödelsee. Ein zweiter Koffer aus Großlangheim steht in Würzburg und bildet zusammen mit denen anderer Kommunen den “DenkOrt” vor dem Hauptbahnhof. Siehe Grundinformationen zu den jüdischen Gemeinden und zum “DenkOrt”.
Standort des Koffers in Großlangheim: am Busplatz
Ausführlichere Informationen zur jüdischen Gemeinde Großlangheim
Quellen zu den Gemeindeartikeln
© Recherche und Text: Rotraud Ries, 2026
Shoaopfer, die 1933 in Großlangheim gelebt hatten
Julie Fromm, geb. Löwenstern (1858 – 1943)
Max Fromm (1908 – 1941/43)
Moses Sonn (1878 – 1942)
Rebekka Sonn (1871 – 1944)
Therese Sonn (1875 – 1942)
Zerline Sonn (1873 – 1944)
Cilly Weikersheimer, geb. Künstler (1892 – 1941)
Gerda Luise Weikersheimer (1922 – 1941)