Jüdische Gemeinde Gemünden am Main
Zu Beginn der NS-Zeit 1933 wohnten in der Stadt am Main 67 Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Vier Kinder wurden nach Januar 1933 geboren und eine auswärtige Frau heiratete nach Gemünden. Nicht von allen kennen wir jedoch sicher die Namen. Die ersten jüdischen Bewohner sind schon um 1300 in Zusammenhang mit einem Pogrom bezeugt, danach in kleiner Anzahl im 16. und kontinuierlich erst seit dem 17. Jahrhundert. 1655 waren es zwei Familien, danach bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts jeweils bis zu max. vier Haushalten mit zusammen je 15 bis 20 Personen. Auch in Kleingemünden durften ab 1721 zwei jüdische Familien wohnen. Die Voraussetzungen zur Abhaltung von Gottesdiensten waren damit gegeben. So errichtete die Judenschaft einen Anbau an einem Privathaus als Synagoge.
1817 erhielten drei Familien Matrikelstellen. Ihr Geld verdienten sie vor allem mit Textilwarenhandel. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts konnte die Gemeinde durch Zuzug aus der Umgebung wachsen – und zwar bis auf 100 Personen im Jahr 1900. Danach folgte der Rückgang. Erst seit 1884 gab es auch eine formell gegründete Kultusgemeinde, die wenig später eine neue Synagoge in der Plattnersgasse erbaute.
Um 1930 findet sich ein breites Spektrum ökonomischer Aktivitäten in der jüdischen Gemeinde: Neben dem Viehhandel (5) und einer Metzgerei waren Kaufleute für landwirtschaftliche Produkte und Geräte (incl. Fahrrädern), für Stoffe, Schuhe, Papier, Seifen und Fette sowie ein Sägewerksbesitzer, ein Tierarzt und ein Lehrer zu finden. Die ersten rechtlichen und behördlichen Maßnahmen zur Ausgrenzung der Juden ließen mit Beginn der NS-Diktatur nicht lange auf sich warten.
So verließen schon in den ersten Jahren ab 1933 etwa 15 Personen ihre Heimat. Die Aus- und Abwanderung steigerte sich aufgrund der repressiven Gesetze und Wirtschaftsboykotte vor allem ab 1936. Im Mai 1937 lebten noch 35, kurz vor dem Pogrom im November 1938 nur noch 20 Jüdinnen und Juden in Gemünden. Nachdem ihre Synagoge am 10. November durch die örtliche SA verwüstet, ihre Ritualien zerstört, ihre Wohnungen zertrümmert, ihre Wertsachen geraubt und alle jüdischen Männer verhaftet worden waren, sahen sie keine Zukunft mehr in ihrem Wohnort. Innerhalb eines Monats flohen sie alle – die meisten nach Frankfurt. Ein gerichtliches Nachspiel hatte die Hilfe eines christlichen Mannes für seine jüdischen Nachbarn: er landete für mehrere Monate im Gefängnis.
40 jüdischen Bürgerinnen und Bürgern gelang es seit 1933, in ein sicheres Land zu emigrieren, für weitere 9 bis 14 ist dies zu vermuten. Denn sie werden nicht im Gedenkbuch des Bundesarchivs aufgeführt. Unter den Zielländern der Auswanderung bzw. Flucht dominieren die USA mit mindestens 32 Fällen, gefolgt von England (5), Palästina (5) und Uruguay (2). In fünf bis zehn Fällen sind Zielland und Emigration nicht bekannt oder unsicher. Mindestens drei Personen starben eines natürlichen Todes.
Auch die Juden, die nicht emigrieren konnten, verließen in den Jahren 1936 – 1938 Gemünden und meist auch Unterfranken. Nur zwei von ihnen zogen nach Würzburg und wurden von dort deportiert, mind. elf weitere aus anderen Städten, darunter vor allem Frankfurt a.M. (9), aber auch Plauen und Berlin. Gemünden hat also 13 Opfer der Shoa zu beklagen, darunter ein Kind. Niemand der Deportierten überlebte.
Shoaopfer, die 1933 in Gemünden gelebt hatten
Babette Baumann, geb. Schönfärber (1872 – 1942)
Fanny Birk, geb. Rothschild (1873 – 1942)
Samuel Birk (1871 – 1943)
Heinemann Grünbaum (1865 – 1943)
Heinrich Grünbaum (1894 – 1942)
Rosi Grünbaum, geb. Grumbacher (1907 – 1942)
Sofie Grünbaum, geb. Bach (1865 – 1942)
Jenny Nachmann, geb. Birk (1899 – 1942 (?))
Ludwig Nachmann (1901 – 1942)
Laura Sichel, geb. Mainzer (1879 – 1943)
Nathan Sichel (1873 – 1943)
Fanny Weinberg, geb. Kahn (1913 – 1941/1942)
Nathan Weinberg (1935 – 1941/1942)
Im St.-Josefs-Haus in Gemünden, einer Einrichtung für Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen, lebten sechs jüdische Kinder und Jugendliche, die aus der ganzen Region stammten. Sie wurden noch vor den anderen Bewohner:innen im Rahmen des Krankenmord-Programms abtransportiert und Ende 1940 ermordet. Soweit sie, wie zum Beispiel Richard Hamburger (Burgsinn), aus Unterfranken stammten, wird an sie zusammen mit ihren Familien namentlich erinnert.
Das Koffer-Denkmal in Gemünden erinnert an die deportierten Jüdinnen und Juden der Stadt. Der Kinderrucksack symbolisiert das Schicksal des kleinen Nathan Weinberg, der mit seiner Mutter von Frankfurt aus deportiert wurde. Ein zweiter Koffer aus Gemünden steht in Würzburg und bildet zusammen mit denen anderer Kommunen den “DenkOrt Deportationen” vor dem Hauptbahnhof. Siehe Grundinformationen zum “DenkOrt” und zu den Deportationen.
Standort des DenkOrts in Gemünden: Plattnersgasse
Ausführlichere Informationen zur jüdischen Gemeinde Gemünden
Quellen zu den Gemeindeartikeln
Eine weitere Quelle konnte neu ausgewertet werden: Mitgliederliste der Israel. Kultusgemeinde Gemünden, Dez. 1935 (mit Nachträgen von 1936), CAHJP D-Ba2-53, digitalisiert unter Jüdische Gemeindearchive in Bayern, https://www.gda.bayern.de/gvl/archive.xhtml, Distriktsrabbinat Bad Kissingen, Scans 260, 281f.
Recherche und Text: Nathalie Jäger und Rotraud Ries, 2021; Überarbeitung: Rotraud Ries, 2026, mit Unterstützung von Nathanja Hüttenmeister, Cornelia Mence und Georg Schirmer