Jüdische Gemeinde Oberaltertheim (heute ein Ortsteil von Altertheim)

1933 lebten in Oberaltertheim 24 jüdische Bürgerinnen und Bürger. Die Geschichte ihrer Gemeinde reicht in den Anfang des 18. Jahrhunderts zurück. 1760 zählte man bereits sieben, 1785 14 jüdische Haushalte. Nach der Mitte des 18. Jahrhunderts entstand eine jüdische Kultusgemeinde, zunächst wohl zusammen mit den Juden im nahen Unteraltertheim. Nach wenigen Jahrzehnten machten sich die beiden Judenschaften selbständig. 1785 erwarben die Oberaltertheimer Juden ein Gebäude, um es zur Synagoge umzubauen.

1817 wurden 12 Familien in die Matrikelliste aufgenommen, von denen die meisten im Vieh- und Warenhandel tätig waren, aber auch Ellenwarenhandel und das Metzgerhandwerk betrieben. Die Synagoge der Gemeinde wurde bei dem großen Dorfbrand 1825 zerstört. In dem im Anschluss errichteten Neubau befanden sich Räume für die Religionsschule. Wie in vielen anderen Landgemeinden diente der Lehrer auch als Kantor und Schächter. 1876 erwarb die Gemeinde ein weiteres Gebäude, um es als Gemeindehaus mit Schulzimmer und Lehrerwohnung zu nuten.

Über weite Teile des 19. Jahrhunderts zählten 60 – 70 Personen zu den jüdischen Familien, bevor ihre Anzahl gegen Ende des Jahrhunderts auf bis zu 90 Personen in etwa 18 Haushalten stieg. Nach 1900 nahm ihre Zahl dann deutlich ab, fiel über 53 (1910) auf 27 (1925) Gemeindemitglieder. Anfang der 1930er-Jahre führten die jüdischen Familien Betriebe für Vieh(groß)handel und Metzgerei, es gab eine Textilienhandlung und einen Gemischtwarenladen.

Wie andernorts setzten die Repressionen und die Ausgrenzung kurz nach Beginn der NS-Herrschaft ein. Im Februar 1938 versuchte man zudem durch eine 14-tägige Haft für jüdische Bewohner:innen zwischen 18 und 40 Jahren, ihre Auswanderung zu erzwingen. Zehn Jüdinnen und Juden hatten zu diesem Zeitpunkt den Ort bereits verlassen. 1933 und 1934 waren zwei Frauen weggezogen, von denen eine emigrieren konnte. Auch der ehemalige Lehrer und seine Frau verlegten 1934 ihren Wohnsitz nach Würzburg, wo beide noch vor der Shoa verstarben. 13 weitere Personen flohen zwischen 1936 und 1940 direkt aus ihrem Heimatort in die USA, während die Flucht einer Familie über Frankreich nach Kuba 1939 scheiterte. Nur die Mutter überlebte nach der unfreiwilligen Rückkehr nach Frankreich. Insgesamt konnten sich also 15 Menschen durch Emigration retten. Eine Frau starb in Oberaltertheim eines natürlichen Todes.

Örtliche SA-Leute zertrümmerten mit Unterstützung von Ortsbewohnern im Novemberpogrom die Inneneinrichtung der Synagoge, zerrissen Thorarollen und zerschlugen Fenster und Hausrat in den Häusern und Geschäften der Juden. Mindestens zwei Männer kamen ins KZ Buchenwald. Wenige Monate später musste die Gemeinde die Synagoge unter Wert abtreten. Die jüdischen Bewohner wurden gezwungen, ihre Felder zu verkaufen, und wurden im September 1939, als noch acht jüdische Bewohner im Ort wohnten, zwangsweise in ein „Judenhaus“ eingewiesen. Fünf Menschen gelang nach diesem Zeitpunkt noch die Emigration.

Vier jüdische Bürgerinnen und Bürger, die 1933 in Oberaltertheim gelebt hatten, wurden am Ende aus Unterfranken in den Raum Lublin im besetzten Polen und nach Theresienstadt deportiert. Eine von ihnen hatte bereits seit 1934 in Würzburg gelebt, eine Witwe mit ihren zwei fast erwachsenen Kindern war bis zuletzt in Oberaltertheim geblieben. Weitere zwei Personen ereilte das Schicksal in Frankreich. Dort hatten sie sich als dreiköpfige Familie nach Kuba eingeschifft, ihr Schiff durfte jedoch nicht landen und fuhr nach Europa zurück. Vater und Tochter wurden aufgegriffen, in Drancy interniert und von dort nach Auschwitz deportiert. Sechs Opfer der Shoa hat Oberaltertheim demnach zu beklagen, darunter drei Jugendliche. Ein junger Mann, der erst spät nach Oberaltertheim kam, wurde ebenfalls von dort deportiert. Niemand überlebte die Deportationen.

Oberaltertheim beteiligt sich mit zwei Koffern am Projekt „DenkOrt Deportationen“. Der lokale Koffer erinnert an die deportierten Jüdinnen und Juden des Ortes. Ein zweiter Koffer aus Oberaltertheim steht in Würzburg und bildet zusammen mit denen anderer Kommunen den “DenkOrt Deportationen” vor dem Hauptbahnhof. Siehe Grundinformationen zu den jüdischen Gemeinden und zum “DenkOrt”.

Informationen zum Standort des Koffers in Oberaltertheim folgen zu gegebener Zeit.

Ausführlichere Informationen zur jüdischen Gemeinde Oberaltertheim 
Quellen zu den Gemeindeartikeln

© Recherche und Text: Rotraud Ries, 2026

Shoaopfer, die 1933 in Oberaltertheim gelebt hatten

Ricka Grünbaum, geb. Strauß (1879 – 1942)
Mira Schiff (1925 – 1942)
Moritz Schiff (1896 – 1942)
Margarete Schornstein (1923 – 1942)
Max Schornstein (1924 – 1942)
Sara Schornstein, geb. Rosenbaum (1889 – 1942)